Hermann der Wissenschaftler

Hermann der Lahme und sein Erdmessungsmodell – ein Beitrag von Dipl.-Ing. Manfred Spata, Bonn. Der Artikel stammt aus dem VDVmagazin 6/07 – mit freundlicher Genehmigung von Hr. Manfred Spata.

Einleitung

Hermann der Lahme, Mönch des Klosters zu Reichenau, ist berühmt für seine vielseitigen Schriften zur Astronomie und Mathematik, als Komponist mönchischer Gesänge und als Sequenzendichter, insbesondere von Mariengedichten. Für die Geodäten interessant ist sein konkreter Vorschlag zur Bestimmung der Größe der Erde. Dabei variiert er die Methode des Eratosthenes und schafft eine für das lateinische Abendland praktikable Messmethode.

Hermann der Lahme auf einer Füllkachel des Kachelofens in der Schatzkammer
des Klosters Reichenau (Berschin und Hellmann 2005)

Sein Leben

Hermann, genannt der Lahme (Hermannus Contractus, 1013–1054), war Schüler und Mönch des Benediktinerklosters auf der Insel Reichenau. Er galt trotz seiner schweren körperlichen Behinderungen (spastische Lähmung der Hände und Füße) als einer der führenden Köpfe seiner Zeit. Hermann wurde als eines von insgesamt 15 Kindern des Grafen Wolfrad von Altshausen bei Saulgau in Oberschwaben geboren. Als siebenjähriges behindertes Kind kam er in die Klosterschule der Reichenau, wurde etwa mit 30 Jahren zum Priester geweiht und verblieb bis zu seinem Tod auf der Insel. Durch seine Behinderung war Hermann ständig auf die Hilfe Dritter angewiesen. Selbst das Sprechen und Schreiben fiel ihm schwer. Dennoch genoss er die seinerzeit übliche klösterliche Bildung des Quadriviums (Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musiktheorie) und entwickelte sich in mehreren Wissenschaften zu einem herausragenden Gelehrten seiner Zeit. Er hinterließ bedeutende Schriften zur Mathematik, Astronomie, Geschichte und Musik. So schrieb Hermann ein Chronikon, eine in Latein verfasste große Weltchronik von Christi Geburt bis zu seinem eigenen Todesjahr 1054, die von seinem Schüler Berthold von Reichenau bis zum Jahr 1080 fortgesetzt wurde. Hermanns Leichnam wurde nicht auf der Reichenau, sondern in seinem heimatlichen Altshausen beigesetzt, wo seine Reliquie in der Ulrichskapelle der Schlosskirche aufbewahrt ist (Bautz 1990, Berschin und Hellmann 2005, Stadler 1996, Zedler 1735).

Seine Astronomie und Mathematik

Hermanns Beschäftigung mit der Astronomie und Mathematik orientierte sich zunächst an der seinerzeit wichtigsten Frage eines exakten kirchlichen Festkalen-ders. Astronomische Messungen dienten also vornehmlich der Zeitrechnung und der Berechnung des zyklischen Osterfestes. Die astronomischen Kenntnisse des frühen Mittelalters beschränkten sich in der Regel auf den Inhalt der Schrift De natura rerum von Isidor von Sevilla (560/70-636) und auf die Ostertabellen von Beda Venerabilis (672/73–735). In seinem Buch „De Temporum Ratione“ erläutert Beda die von „Dionysius Exiguus“ (um 470–um 540) im Abendland eingeführte Osterberechnung, der er damit zum Durchbruch verhalf. Diesem Werk ist eine Tabelle mit den Osterdatierungen der Jahre 532 bis 1064 beige-fügt. Das nahende Ende der Beda-Ostertabelle mag Hermann zu seiner Schrift „Regulae in computum“, einer Zusammenfassung der kirchlichen Zeitrechnung, angeregt haben. Hierin unterteilt Hermann erstmals die Stunde in die kleinere Einheit von 60 Minuten und revolutionierte damit die mittelalterliche Zeitrechnung. Noch bei Beda war die Stunde in 4 puncta oder in 10 minuta oder in 40 momenta geteilt (Gerick 1992, S. 62).
Die wichtigsten astronomischen Arbeiten Hermanns betreffen das Astrolabium, „Liber de mensura astrolabii“ und „De utili-tatibus astrolabii libri duo“. Im ersten Buch gibt Hermann eine Anleitung zum Bau eines Astrolabiums. Sie war für seine Zeit von hohem praktischen Wert, weil man mit ihrer Hilfe das Messgerät nachbauen konnte, ohne die theoretischen Hintergründe zu verstehen. Die Herstellung eines Astrolabiums verlegt die Projektion der Himmelssphäre auf die flache Metall-scheibe. Die mathematischen Grundlagen dazu waren seit Hipparch (2. Jh. v.C.) in der Antike bekannt.
Die Kenntnis des Astrolabs war erst zu Hermanns Zeit aus arabischen Quellen in lateinischer Übersetzung in Europa bekannt geworden. Ob Hermann selbst die arabische Sprache beherrschte, um die arabische Astronomie aus ihren Quellen zu studieren, ist nicht belegt (Bergmann 1985,
S.11). Die Beschreibungen von Astrolabien gelangten im 8./9. Jahrhundert als arabische Übersetzungen der griechischen Texte in die islamische Kulturwelt. Es wird vermutet, dass Lupitus von Barcelona (2. Hälfte 10. Jh.) auf Wunsch Gerberts von Aurillac (945-1003, 999 Papst Sylvester II.)
984 die lateinische Übersetzung Sententiae astrolabii einer arabischen Sternkunde geschrieben habe. Diese lateinische Quelle von Lupitus und Gerbert hat 50 Jahre später Hermann in Reichenau bereits vorgelegen. Hermanns Konstruktionsbeschreibung trug wesentlich zur Verbreitung des Astrolabs im nachfolgenden Jahrhundert bei. Ohne seine Traktate wäre das Astrolab wohl lange ein unverstandenes fremdes Messgerät geblieben (Bergmann 1985, Berschlin und Hellmann 2005, Gericke 1992). Eine mittelalterliche Darstellung zeigt Hermann mit einem Astrolab in der rechten Hand rechts neben Euklid, der in seiner rechten Hand eine Sphäre und in der linken ein Sehrohr hält.

Hermann (rechts) und Euklid (links) in einer mittelalterlichen Darstellung
(Oxford, Bodleian Library Ashmole 304)

Das zweite Buch „utilitatibus astrolabii“, das ebenfalls im Wesentlichen auf den Schriften von Lupitus und Gerbert beruht, ist von Hermann um einen eigenständigen Anhang in vier Kapiteln ergänzt worden. Das erste Kapitel enthält eine Bauanleitung „einer Uhr für Wanderer“, eine Säulchen-Sonnenuhr mit einem senkrecht stehenden Stab zur Messung des Sonnenschattens. Hermann lieferte die notwendigen Tabellen zur Zeitmessung für den Standort Reichenau mit rund 48 Grad nördlicher Breite (Bergmann 1985, S. 170; Berschin und Hellmann, S. 29.

Sein Erdmessungsmodell

Das Kapitel 2 von Hermanns „utilitatibus astrolabii“ enthält einen originellen Vor-schlag zur Messung des Erdumfangs. Hier-bei beruft sich Hermann auf die Erdmesung des Eratosthenes (ca. 284-202 v. C.), die er über die Gerbert zugeschriebene „Geometria incerti auctoris“ kennengelernt haben mag (Bergmann 1987, S. 110f; Berschin und Hellmann, S. 29). Die Methode des Eratosthenes zur Bestimmung der Erdgröße ist allen Geodäten wohl bekannt. Danach beobachtete er im ptolemäischen Ägypten den Schatten der Sonne in Alexandria am Mittelmeer zur Zeit der Sommersonnenwende, wenn in Syene (heute Assuan) am Wendekreis die Sonne mittags im Zenit steht. Die Länge des Schattens betrug in Alexandria 1/50 des Vollkreises, was nach damaliger Winkeleinheit 1 + 1/5 Hexekosta (1 Hexekosta = 360/60 = 6 Grad) bzw. in heutiger Winkeleinheit 7,2 Grad entspricht (Minow 1999, S. 165; Wirsching 2003, S. 384). Die Entfernung der beiden ungefähr auf demselben Meridian liegen-den Städte war ihm mit 5.000 Stadien bekannt. Folglich ergab sich der Erdumfang zu 50 mal 5.000 Stadien = 250.000 Stadien. Ob Eratosthenes selbst die Entfernung zwischen Alexandria und Syene jemals messen ließ, ist in den antiken Quellen nicht belegt (Bialas 1982, Minow 1999, Schwarz 1975, Wirsching 2003).
Diese Methode des Eratosthenes regte Hermann zu einer einfacheren Lösung an. Sein Vorschlag nutzt das Astrolab als Messinstrument, mit dem man bei klarer Nacht überall den Himmelspol messen kann. Sodann gehe man so lange nach Norden, bis der Himmelspol mit dem Astrolab um 1 Grad verschoben ermittelt wird. Die zwischen beiden Messungen zurückgelegte Wegstrecke in Südnordrichtung ist mit 360 (der Gradeinteilung des Astrolabs und der Erde) zu multiplizieren, um den Umfang der Erdkugel zu erhalten.

Hermann erläutert einem Mitbruder seine Idee zur Bestimmung des Erdumfangs, Kartuschenbild über dem Bücherschrank „Geographie“ in der Stiftsbibliothek St. Gallen Wannenmacher 1762)

Hermanns Idee war genial einfach, weil er sich durch die Beobachtung eines Fixsternes unabhängig machte vom weniger genau bestimmbaren Sonnenstand und weil er eine Messmethode für die geographischen Bereiche des lateinischen Abendlandes fernab des Wendekreises ermöglichte (Bergmann 1985, S. 171; Bergmann 1987, S. 135; Berschin und Hellmann, S. 29).
Ebenfalls von der Lage des nördlichen Wendekreises unabhängig waren Vorschläge zur Erdmessung, die der arabische Gelehrte al-Biruni (973–1048) in seinem Werk „al Qanum al Mascudi“ über die Meridiangradmessung schildert. Beide Male wird das Astrolab eingesetzt, und zwar einmal zur Messung des scheinbaren Horizonts auf einem hohen Berg gegen den natürlichen Horizont (Bialas, S. 63; Minow, S. 162), zum anderen zur Messung der Mittagshöhe in den beiden Punkten des Meridiangradbogens. Die Schriften des arabischen Zeitgenossen waren Hermann wohl noch nicht bekannt, weil er sie nicht erwähnt.
In Kapitel 3 erläutert Hermann die Methode des Eratosthenes und gibt dessen Messwerte an. Hermann nimmt für die Strecke eines 1 Grad langen Breitengradbogens rund 700 Stadien oder 87 römische Meilen an. Nimmt man 1 röm. Meile = 185 m, ergibt sich ein zu messender Meridiangrad-bogen von etwa 128 km. Daraus ergäbe sich nach Hermanns Angaben ein Erdumfang von etwa 46.000 km, was den tatsächlichen Wert von rund 40.000 km unter Berücksichtigung der Astrolabmessgenauigkeit nahe käme (Bergmann 1985, S. 171).
Die Entfernungsmessung zwischen den beiden astronomischen Messstandorten war bei Eratosthenes (Bialas, S. 34) und al-Biruni (Minow, S. 163) ebenso schwierig zu besorgen wie bei Hermann. Denn im nördlichen Bereich der Reichenau besteht keinerlei flaches Gelände, um über eine Entfernung von rund 111 km eine mehr oder weniger gerade Wegstrecke zu überwinden. Wäre Hermann trotz seiner körperlichen Gebrechen in der Lage gewesen, von seinem Kloster Reichenau ausgehend nach Norden eine um 1 Grad veränderte Stellung des Himmelspols zu messen, hätte er bis Böblingen kommen müssen. Er hätte dabei den nördlichen Untersee und Überlinger See sowie die Schwäbische Alb mit Berghöhen über 900 m überwinden müssen. Seine persönlichen Umstände ließen ihm keine Möglichkeit zur praktischen Erprobung dieser Idee.
Hermanns geographische Kenntnisse des Reichenauer Umfeldes waren offen-sichtlich so gut, dass er die geodätisch gleichermaßen denkbare Messrichtung nach Süden gar nicht erst in Erwägung zog. Denn danach hätte er von der Reichenau bis zum nördlichen Fuße des schweizerischen Piz Cavel (2.946 m) wandern müssen und dabei den südlichen Untersee, die Berge des Thurgau, der Toggenburg und der Glarner Alpen mit Berghöhen über 3.000m sowie das Tal des Vorderrheins queren müssen, eine auch heute noch praktisch unmögliche Vorgehensweise.

Schluss

Der Mönch Hermann der Lahme von Reichenau besaß ausgezeichnete Kenntnisse aus griechischen und arabischen Quellen. Über die seinerzeit übliche Lehre des Quadriviums hinaus entwickelte Hermann eigene Ideen zur Frage nach der Bestimmung der Größe der Erdkugel. Sein Messvorschlag ist eine geniale Weiterentwicklung der Methode des Eratosthenes, deren praktische Umsetzung ihm wegen seiner körper-lichen Gebrechen nicht vergönnt war. Hermann ist ein Beleg dafür, dass im „tiefen Mittelalter“ des 11. Jahrhunderts die Klosterschulen in Deutschland das Wissen der Antike und der Araber sehr wohl zu tradieren wussten und auch eigenständig weiterentwickelten.

Literatur

  • Bautz, F. W.: Hermann von Reichenau. Biogra-phisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. II, Hamm 1990, Sp. 751-753.
  • Bergmann, W.: Innovationen im Quadrivium des 10. und 11. Jahrhunderts. Studien zur Einführung von Astrolab und Abakus im lateinischen Mittelalter. Sudhoffs Archiv, Beiheft 26, Stuttgart 1985.
  • Bergmann, W.: Gerbert von Aurillac und die Landvermessung. In: Hartwig Junius (Hg.), Ingenieurvermessung von der Antike bis zur Neuzeit, 3. Symposion zur Vermessungsge-schichte 1987, Stuttgart 1987, S. 108-140.
  • Berschin, W. und Hellmann, M.: Hermann der Lahme. Gelehrter und Dichter (1013-1054). Reichenauer Texte und Bilder (RTB) 11, Zweite Auflage, Heidelberg 2005.
  • Bialas, V.: Erdgestalt, Kosmologie und Weltan-schauung. Stuttgart 1982.
    Gericke, H.: Mathematik im Abendland – von den römischen Feldmessern bis zu Descartes. Wiesbaden 1992.
  • Minow, H.: Al-Biruni und die historischen Meridiangradmessungen. In: Der Vermes-sungsingenieur, 3/1999, S. 161-166.
  • Schwarz, K.P.: Zur Erdmessung des Eratosthenes. In: Allgemeine Vermessungs-Nachrichten (AVN), 1975, S. 1-12.
  • Stadlers Vollständiges Heiligen-Lexikon: Hermann der Lahme (von der Reichenau). Hildesheim 1996.
  • Wirsching, A.: Eratosthenes oder die Ägypter? I n: Der Vermessungsingenieur, 5/2003, S. 380–384.
  • Zedlers Universal-Lexikon: Hermannus Contractus. 12. Bd., Leipzig 1735, Sp. 1717.

Predigt von Pfr. Christof Mayer zum Todestag von Hermann von Altshausen am 24.9.2023

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

als heute vor 969 Jahren der Reichenauer Mönch Hermann seinen Geist aushauchte, ging ein Erdenleben zu Ende, das seinesgleichen suchte. Schon seinen Zeitgenossen galt Hermann von Altshausen als das „miraculum saeculi“, das Wunder seines Zeitalters. Was aber war das tiefste Geheimnis seines Lebens? Wir kommen wohl nicht umhin festzustellen: es war seine Teilhabe am Kreuz Christi, das durch seine schwere körperliche Behinderung und sein zunehmendes Leiden inmitten seines Lebens aufgerichtet war. In Hermannus Contractus begegnet uns gleichsam der leidende Gottesknecht, von welchem einst der Prophet Jesaja sagte: „Er hatte keine schöne und edle Gestalt, sodass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut“ (Jes 52, 2b.3a).

Das Leben  des gekrümmten Mönches, dessen lichterfüllter Geist des Nachts die Unendlichkeiten des Weltalls durchstreifte, war ein Mitgehen des Kreuzwegs Christi. Auf diesem Weg aber hat Hermann Antwort gefunden auf alle Fragen. Auf diesem Weg ist sein ganzes Menschenleben mit all seinen Höhen und Tiefen durchlebt und durchlitten, geheiligt und überwunden worden. Auf diesem Kreuzweg ist ihm der Sinn seines Lebens mit all seinen Verworrenheiten und Dunkelheiten, aber auch mit all seinen Möglichkeiten und Hoffnungen klargeworden. In der Stille seiner Klosterzelle ist in ihm, der schon in ganz jungen Jahren in die Obhut der Mönche gegeben worden war, die Erkenntnis gereift: Das ist der Ruf Gottes an mich; das ist der Weg, auf dem mein Leben zu seinem Ziel gelangt. Und am Ende dieses so leidvollen und zugleich so gesegnetes Weges durfte er begreifen: Es lohnt sich, zu dulden und zu leiden, zu fallen und aufzustehen; es lohnt sich zu leben.

Seitenkapelle in der Kirche St. Michael, Altshausen

Für Hermann von Altshausen wurde das Mitgehen des Kreuzwegs Christi gleichsam zur Schule seines Lebens; zur Schule, in welcher er die höchste und notwendigste Kunst erlernen konnte: die Kunst eines erfüllten, eines gemeisterten Lebens; eines Lebens, das auch auf den dunkelsten Strecken nie ohne jeden Stern war, der ihm den Weg wies und ihm neue Hoffnung schenkte. In der von ihm so überaus geliebten Gottesmutter, die wie kein zweiter Mensch den Kreuzweg ihres Sohnes durchlitten hatte, konnte Hermann ein strahlendes Zeichen dieser Hoffnung erkennen. „Vita, dulcedo et spes nostra“ nennt er sie in seinem weltberühmt gewordenen Salve Regina: „Unser Leben, unsere Wonne, unsere Hoffnung, sei gegrüßt!“

Und wie die selige Jungfrau einst auf den Ruf Gottes geantwortet hatte mit den Worten: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe nach deinem Wort“, so konnte sich auch Hermann von Altshausen in unzähligen durchwachten Nächten durchringen zu seiner Antwort der Ganzhingabe an den göttlichen Willen. Denn er wusste nur allzu gut, dass dies die einzige mögliche Antwort überhaupt war. Er wusste: Gott wollte nicht irgendetwas von ihm, sondern alles. Wer so liebt, dass er seinen eingeborenen Sohn für uns dahingibt, der kann nicht anders, als den ganzen Menschen einzufordern. Liebe erträgt keine Halbheit. Für uns Menschen und um unseres Heiles willen ist Gott, als die Fülle der Zeiten gekommen war, in seine Schöpfung eingestiegen; nicht als Herr, nicht als Richter – nein, als der Liebende, und was noch ergreifender ist: als der Dienende: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, sich bedienen zu lassen, sondern zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele“ (Mk 10,45). Und so hinterlässt er uns am Abend vor seinem Sterben sein Testament: Er kniet nieder und wäscht uns die Füße. Und dann stiftet er das Mahl, das uns für alle Zeiten seine Hingabe bis zum Äußersten vor Augen führt: „Nehmt und esst, das ist mein Leib, hingegeben für euch; nehmt und trinkt, das ist mein Blut, vergossen für euch!“ Weil Hermann der Lahme in diesem unbegreiflichen Geschehen nicht nur den Sinn der ganzen Welt, sondern auch den seines eigenen Lebens erkannt hatte, war es für ihn das größte Gnadengeschenk, dass er trotz seiner schweren Behinderung zum Empfang der Priesterweihe zugelassen wurde. Sein Priestertum war erfüllt von der Erkenntnis der Größe, Schönheit und Erhabenheit der Schöpfung Gottes, aber auch ein Priestertum, geläutert im Schmelzofen des Leidens.

In seinem in italienischer Sprache erschienenen Roman über Hermann von Altshausen schildert Davide Rondoni eine durchwachte und durchlittene Nacht auf der Reichenau und lässt uns dabei auch Berthold begegnen, dem treuen Schüler Hermanns. Dort heißt es:

Berthold bleibt wie immer zurück, wie jede Nacht. Um ihn zu betrachten. Sein Gesicht ist mit den Jahren dem einer Ziege ähnlich geworden. Ausgetrocknet. Und doch mit einem wunderbar sanften Ausdruck, wenn die Augen offen sind. Wenn sie geschlossen sind, wie jetzt im Schlaf und Schmerz, gleicht das Gesicht einem Lederrest zum Wegwerfen. Da ist der Geruch von abgebranntem Kerzentalg. Gemeinsam beginnen sie die Gebete zu flüstern. Hermann liegt auf der Seite, ganz verkrümmt. Berthold hat den Rücken an die Wand gelehnt. „Ich bis des Lebens müde“. In Hermann erwächst dieser Gedanke, während die traurig graue Morgendämmerung sich langsam über die großen Tannen erhebt. Der Rippenfellentzündung wegen brennt es ihm beim Atmen. Berthold beschließt die nur halb ausgesprochenen Worte: „Zu dir seufzen wir Kinder Evas, trauernd und weinend in diesem Tal der Tränen. Wohlan denn, unsere Fürsprecherin, wende deine barmherzigen Augen uns zu und nach diesem Elende zeige uns Jesus, die gebenedeite Frucht deines Leibes..“

Auf der Reichenau weicht die Nacht dem ersten Licht des Tages (Davide Rondoni, Hermann. Una vita storta e santa puntata alle stelle, Verlag Rizzoli).

Dieser zeitgenössische Roman über Hermann den Lahmen führt uns anschaulich vor Augen, wie sehr das Leben unseres einzigartigen Heimatheiligen Mitgehen des Kreuzwegs Christi war, den der Herr vorausgegangen ist zur Erlösung der Welt. Ihm, der diesen Weg für uns leidend, liebend, sterbend gegangen ist, hat Hermann von Altshausen sich mit aller Bereitschaft zur Verfügung gestellt. An diesem seinem Todestag, den wir feiern dürfen als seinen Geburtstag für den Himmel, ruft er auch uns dazu auf. Denn dieser Weg, den der Herr uns vorangegangen ist, ist unser Schicksalsweg; der Weg, auf dem sich unser ewiges Schicksal entscheidet. Auf diesem Weg, liebe Schwestern und Brüder, kann uns der selige Hermann Richtschnur und Kompass sein. Der italienische Journalist Giovanni Figheira sagt es so:

„Hermann ist ein leuchtendes Beispiel dafür, wie ein Mensch Werkzeug der Fruchtbarkeit werden kann, der Kultur und neuer Menschlichkeit, indem er erkennt, dass Gott uns liebt trotz unserer Nichtigkeit und unserer Zerbrechlichkeit. Noch heute als Seliger verehrt, ist er ‚das Vorbild katholischer Heiligkeit‘ (Don Luigi Giussani).“

AMEN.

Pfarrer Christof Mayer

Nach dem Festgottesdienst am 24.9.2023 in der Kirche St. Michael, Altshausen

Hermannus-Gemeinschaft Altshausen

Herzlich Willkommen auf unserer Web-Seite über Hermannus Contractus.

Die Hermannus-Gemeinschaft Altshausen möchte mit ihren vielfältigen Informationen zur Faszination an dem genialen Mönch und zu seiner Verehrung beitragen.

Mehr über die Hermannus-Gemeinschaft

Regelmäßige Besucher unserer Webseite werden sich fragen, warum unsere doch recht ansprechende Homepage plötzlich ein neues Gesicht bekommen hat. Eine traurige Begebenheit bietet den Grund dazu:

Am 25.11.22 verstarb völlig überraschend unser langjähriger Webmaster und Homepage-Designer Michael Alber.

Die Vorstandschaft der HGA hat ihm einen Nachruf gewidmet, den wir als Zeichen unserer Dankbarkeit auch hier öffentlich machen:

In memoriam Michael Alber

Die Vorstandschaft der Hermannus-Gemeinschaft ist fassungslos und tief traurig über den plötzlichen Heimgang unseres Mitglieds Michael Alber, der unsere Homepage nicht nur in
vorbildlicher Weise eingerichtet, sondern diese auch regelmäßig mit viel Liebe und Engagement gepflegt hat.
Wir werden unserem Systemberater Michael, der im Alter von nur 53 Jahren zu seinem Schöpfer heimkehrte, ein ehrendes und dankbares Andenken bewahren. Im Gebet und in der Hermannus-Verehrung bleiben wir mit ihm verbunden.
Wie sein Bruder, Pfarrer Josef Alber, im Requiem am 1.12.2022 in der Pfarr-und Schlosskirche St. Michael in Altshausen in seiner Ansprache zum Ausdruck brachte, war Michael nicht nur ein Technik-Freak, der sein Hobby in der IT-Branche zum Beruf machte, sondern auch ein überzeugter Christ mit einem unerschütterlichen Auferstehungsglauben. Dementsprechend hat sich seine Liebe zu Gott, zur Gottesmutter und zum seligen Hermann auch in seiner beispielhaften Menschenfreundlichkeit, Zugewandtheit und Hilfsbereitschaft ausgedrückt.

Die Vorstandschaft der Hermannus-Gemeinschaft bedankt sich von ganzem Herzen bei Ihrem Mitglied Michael Alber. Es lässt sich leicht nachvollziehen, dass uns unser im Hintergrund, aber so effektiv arbeitendes Mitglied sehr fehlen wird. Er hinterlässt eine Lücke, die- wenn überhaupt- nur ganz schwer zu schließen sein wird!
Der Herr möge dem Verstorbenen sein Licht, seinen Frieden und die Nähe unseres Heimatseligen Hermannus schenken. Das folgende Zitat stammt vom Sterbebildchen unseres liebenswürdigen Michael Alber.

„Gegrüßet seist du, Maria, hell strahlender Meeresstern! Du bringst der Welt das Licht der Wahrheit und die Sonne der Gerechtigkeit. Auf dich vertrauen wir.“

Hermann der Lahme

Im Namen der Vorstandschaft der Hermannus-Gemeinschaft Altshausen

Pfarrer Christof Mayer, Präses
Dr. Walter Ebner, 2. Vorsitzender
Dieter Vögtle, Schriftführer

Was wir nicht einmal zu hoffen wagten, löste Michaels Bruder Thomas aus eigenem Antrieb mit dem Angebot, die Homepage neu einzurichten, allerdings völlig anders strukturiert.
Eine Übernahme von Michaels ,Werk“ wäre nahezu unmöglich gewesen, weil zu aufwendig konzipiert mit angewandter Informatik in größtem Zeitaufwand an vielen Wochenenden.

Weihnachtsbrief 2022

Liebe Mitglieder und Freunde der Hermannus-Gemeinschaft,

vielleicht geht es Ihnen ja auch so:

Adventslieder sprechen uns auf besondere Weise an, gehen zu Herzen und stimmen uns nachdenklich; ja, sie vermitteln uns eine Botschaft für unseren Weg auf Weihnachten zu. Ihre Aussage zielt auf das größte Ereignis der Weltgeschichte, die Menschwerdung Gottes vor gut 2000 Jahren.

Weil es sich dabei um ein besonders freudiges Ereignis handelt, ist auch das weihnachtliche Liedgut von großer Freude geprägt. Mich hat schon immer berührt: „Maria durch ein‘ Dornwald ging“- Text und Melodie erreichen das Herz gleichermaßen.

Maria durch ein Dornwald ging. Kyrie eleison.
Maria durch ein Dornwald ging, der hat in sieben Jahrn kein Laub getragen. Jesus und Maria.
Was trug Maria unter ihrem Herzen? Kyrie eleison.
Ein kleines Kindlein ohne Schmerzen, das trug Maria unter ihrem Herzen. Jesus und Maria.
Da haben die Dornen Rosen getragen. Kyrie eleison.
Als das Kindlein durch den Wald getragen, da haben die Dornen Rosen getragen. Jesus und Maria.

Es ist wohl unbestritten: Maria ist die Frau des Advent. Ihr ist es vorbehalten, Jesus, den Sohn Gottes, der Menschheit zu bringen, damals und heute. Auch ist es naheliegend, beim Bild vom Dornwald an Marias Gang über das Gebirge zu ihrer Base Elisabeth zu denken.

Es war sicher ein sehr beschwerlicher Gang. Und das war nicht der erste und bei weitem nicht der letzte dornenreiche Weg. Dornen verletzen, bereiten Schmerzen … äußerlich und innerlich.

Dornensträucher sind unfruchtbar, nicht bloß sieben Jahr kein Laub, eher schon eine halbe Ewigkeit mit Gottvergessenheit, Abkehr von Gott, Götzendienst …

Maria meidet diesen Dornenwald nicht, im Gegenteil. Mit dem Kind unter ihrem Herzen geht sie auf die Dornen zu. Sie hat keine Angst vor Verletzungen, vor Schmerz und Leid. Sie stellt sich mutig der Schuld der Welt, sie die ganz Reine, die Unbefleckte, die von Gott Auserwählte.

Die Dornen können ihr und ihrem Kind nichts anhaben. Es geschieht sogar etwas ganz Wunderbares: da, wo Maria mit Jesus geht, wachsen an den nutzlosen Zweigen plötzlich Rosen. Der Dornwald bleibt zwar, aber Veränderung zum Heilsamen, zum Guten, zum Fruchtbaren wird bewirkt durch die Begegnung mit Jesus. Nicht alle Dornensträucher erblühen auf einmal, vor 2000 Jahren nicht und heute nicht. Ja, es hat sogar den Anschein, als hätten die dürren Dornensträucher wieder zugenommen; als würde sich Maria mit ihrem Jesuskind schwerer tun als je zuvor … ob in Kirche, unter den Menschen allgemein, in der modernen Gesellschaft, weltweit.

Noch sind blühende Zweige nicht ausgestorben. Möge das bevorstehende Weihnachtsfest dazu beitragen, dass Maria mit ihrem Jesuskind wieder neues Leben, Licht und Freude, echte Begeisterung in den Dornwald bringt, ein Klima des Lebens, eine Neubesinnung auf den Gott der Liebe und des Friedens, so wie es die Menschheit schon immer von Weihnachten erwartet hat.

Es fehlt noch etwas von unserem Lied; ich habe es nicht vergessen, warte aber noch auf eine Erleuchtung: „Kyrie eleison“ (3x) – Herr, erbarme dich.

Könnte es sein, dass hier im Lied ein Übergriff geschieht auf den Schmerzensmann Jesus und auf den Erlöser am Kreuz? Vor der Kreuzigung flochten ihm die Soldaten eine Dornenkrone und machten ihn zum Spottkönig. Auch diese Dornen hat Maria mit Jesus geteilt; es sind auch Dornen von uns dabei. Kyrie eleison – durch Jesu Tod am Kreuz ist uns das denkbar größte Erbarmen/ Barmherzigkeit geschenkt – Deo gratias!

Wenn Sie jetzt noch unseren sel. Hermann vermissen, dann darf ich vorschlagen: beten wir doch diesen Advent hindurch täglich das „Salve regina“. Machen wir uns dabei bewusst, wie vorbildlich Hermann seinen wahrhaft dornenreichen Lebensweg bewältigt hat mit Marias Hilfe und in der Liebe zu Jesus.

Komm, Herr Jesus! – Maranatha!
Komm, Herr Jesus! – Brich ein in das Dickicht meines Herzens.
Bahne dir einen Weg durch die Dornen meines Stolzes, durch
das Gestrüpp meiner Gedanken!
Wie ein Sonnenstrahl dringe ein – mach das Verborgene hell!
Komm, Herr Jesus!

                                                                                    Ilse Pauls

Ihnen, Euch allen ein besinnliches, freudvolles und gnadenreiches Weihnachtsfest

und ein gesegnetes, friedvolles und gesundes neues Jahr 2023.

Im Advent 2022

Hermannus Verehrer und Astrologen aus Italien besuchen Altshausen

Eine beeindruckende und faszinierende Geschichte

Völlig überraschend erhielt unsere Hermannus-Gemeinschaft im Februar 21 Post aus Italien. Hermannus-Freunde zeigten uns in Schrift und Bild, wie sehr sie unseren Hermann verehren.
Glücklicherweise übersetzte unser Präses, Herr Pfarrer Christof Mayer, alle Texte aus dem Englischen und Italienischen; so konnte er auch gleich ein Dankschreiben nach Impruneta, nahe Florenz, schicken.
Weil die Texte so interessant und die Bilder so faszinierend sind, geben wir sie hier in der Originalversion weiter.

Impruneta bei Florenz, Toscana, Italien
Santuario di Sanda Maria, Basilika Impruneta

Übersetzung

Liebe Familie in Altshausen,
nach einigen Jahren der Vorbereitung wurde in lmpruneta (Florenz/Italien) ein neues astronomisches Observatorium zusammen mit der restaurierten, benachbarten Kapelle eingeweiht zur Erinnerung an Euren Hermann, den seligen Mönch von der Reichenau im 11. Jahrhundert, an dessen Jahrtag.
Mons. Orapollo, verantwortlich für die Marienbasilika in Impruneta, hat ein Gebet verfasst zur Erinnerung an Hermann und für uns alle, um seinen Schutz und Segen anzurufen.
Wir sind eine Gruppe seriöser Amateur-Astronomen, die im Ehrenamt zusammen mit Fachleuten an wissenschaftlichen Programmen arbeiten. Die Zielsetzung des Observatoriums ist es, ein Laboratorium für Kinder (und Erwachsene) zu sein, um „das Universum mit den Augen Hermanns zu erkunden.“

Hermann war für uns ein inspirierendes Vorbild in der Kombination von Wissenschaft und Glaube. Die Besucher sollen Hermanns Geschichte begegnen: seinem Glauben, seiner Geduld, seiner Liebe zur Jungfrau Maria, seiner Liebe zum Sternenhimmel, seinen wissenschaftlichen Beiträgen und seiner Musik.
Örtliche Künstler haben zur Erinnerung an Hermann einige Werke geschaffen (eine Statue, eine Ikone, eine Skulptur), die sich nun in der Kapelle des Observatoriums befinden.
Am 17. November 2020 hat das Observatorium die Anerkennung durch das „Minor Planet Center International“ erhalten als „Observatorium Seliger Hermann“.

Gerne informieren wir Euch über unsere Initiative als einen bescheidenen
Versuch, die Menschen in Hermanns Beispiel für unsere moderne Zeit einzuführen.
Auf Hermanns Fürsprache bei der seligen Jungfrau Maria möge Gott Eure Gemeinschaft und unseren Weg segnen!