Hermann der Lahme und sein Erdmessungsmodell – ein Beitrag von Dipl.-Ing. Manfred Spata, Bonn. Der Artikel stammt aus dem VDVmagazin 6/07 – mit freundlicher Genehmigung von Hr. Manfred Spata.
Einleitung
Hermann der Lahme, Mönch des Klosters zu Reichenau, ist berühmt für seine vielseitigen Schriften zur Astronomie und Mathematik, als Komponist mönchischer Gesänge und als Sequenzendichter, insbesondere von Mariengedichten. Für die Geodäten interessant ist sein konkreter Vorschlag zur Bestimmung der Größe der Erde. Dabei variiert er die Methode des Eratosthenes und schafft eine für das lateinische Abendland praktikable Messmethode.
Hermann der Lahme auf einer Füllkachel des Kachelofens in der Schatzkammer des Klosters Reichenau (Berschin und Hellmann 2005)
Sein Leben
Hermann, genannt der Lahme (Hermannus Contractus, 1013–1054), war Schüler und Mönch des Benediktinerklosters auf der Insel Reichenau. Er galt trotz seiner schweren körperlichen Behinderungen (spastische Lähmung der Hände und Füße) als einer der führenden Köpfe seiner Zeit. Hermann wurde als eines von insgesamt 15 Kindern des Grafen Wolfrad von Altshausen bei Saulgau in Oberschwaben geboren. Als siebenjähriges behindertes Kind kam er in die Klosterschule der Reichenau, wurde etwa mit 30 Jahren zum Priester geweiht und verblieb bis zu seinem Tod auf der Insel. Durch seine Behinderung war Hermann ständig auf die Hilfe Dritter angewiesen. Selbst das Sprechen und Schreiben fiel ihm schwer. Dennoch genoss er die seinerzeit übliche klösterliche Bildung des Quadriviums (Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musiktheorie) und entwickelte sich in mehreren Wissenschaften zu einem herausragenden Gelehrten seiner Zeit. Er hinterließ bedeutende Schriften zur Mathematik, Astronomie, Geschichte und Musik. So schrieb Hermann ein Chronikon, eine in Latein verfasste große Weltchronik von Christi Geburt bis zu seinem eigenen Todesjahr 1054, die von seinem Schüler Berthold von Reichenau bis zum Jahr 1080 fortgesetzt wurde. Hermanns Leichnam wurde nicht auf der Reichenau, sondern in seinem heimatlichen Altshausen beigesetzt, wo seine Reliquie in der Ulrichskapelle der Schlosskirche aufbewahrt ist (Bautz 1990, Berschin und Hellmann 2005, Stadler 1996, Zedler 1735).
Seine Astronomie und Mathematik
Hermanns Beschäftigung mit der Astronomie und Mathematik orientierte sich zunächst an der seinerzeit wichtigsten Frage eines exakten kirchlichen Festkalen-ders. Astronomische Messungen dienten also vornehmlich der Zeitrechnung und der Berechnung des zyklischen Osterfestes. Die astronomischen Kenntnisse des frühen Mittelalters beschränkten sich in der Regel auf den Inhalt der Schrift De natura rerum von Isidor von Sevilla (560/70-636) und auf die Ostertabellen von Beda Venerabilis (672/73–735). In seinem Buch „De Temporum Ratione“ erläutert Beda die von „Dionysius Exiguus“ (um 470–um 540) im Abendland eingeführte Osterberechnung, der er damit zum Durchbruch verhalf. Diesem Werk ist eine Tabelle mit den Osterdatierungen der Jahre 532 bis 1064 beige-fügt. Das nahende Ende der Beda-Ostertabelle mag Hermann zu seiner Schrift „Regulae in computum“, einer Zusammenfassung der kirchlichen Zeitrechnung, angeregt haben. Hierin unterteilt Hermann erstmals die Stunde in die kleinere Einheit von 60 Minuten und revolutionierte damit die mittelalterliche Zeitrechnung. Noch bei Beda war die Stunde in 4 puncta oder in 10 minuta oder in 40 momenta geteilt (Gerick 1992, S. 62). Die wichtigsten astronomischen Arbeiten Hermanns betreffen das Astrolabium, „Liber de mensura astrolabii“ und „De utili-tatibus astrolabii libri duo“. Im ersten Buch gibt Hermann eine Anleitung zum Bau eines Astrolabiums. Sie war für seine Zeit von hohem praktischen Wert, weil man mit ihrer Hilfe das Messgerät nachbauen konnte, ohne die theoretischen Hintergründe zu verstehen. Die Herstellung eines Astrolabiums verlegt die Projektion der Himmelssphäre auf die flache Metall-scheibe. Die mathematischen Grundlagen dazu waren seit Hipparch (2. Jh. v.C.) in der Antike bekannt. Die Kenntnis des Astrolabs war erst zu Hermanns Zeit aus arabischen Quellen in lateinischer Übersetzung in Europa bekannt geworden. Ob Hermann selbst die arabische Sprache beherrschte, um die arabische Astronomie aus ihren Quellen zu studieren, ist nicht belegt (Bergmann 1985, S.11). Die Beschreibungen von Astrolabien gelangten im 8./9. Jahrhundert als arabische Übersetzungen der griechischen Texte in die islamische Kulturwelt. Es wird vermutet, dass Lupitus von Barcelona (2. Hälfte 10. Jh.) auf Wunsch Gerberts von Aurillac (945-1003, 999 Papst Sylvester II.) 984 die lateinische Übersetzung Sententiae astrolabii einer arabischen Sternkunde geschrieben habe. Diese lateinische Quelle von Lupitus und Gerbert hat 50 Jahre später Hermann in Reichenau bereits vorgelegen. Hermanns Konstruktionsbeschreibung trug wesentlich zur Verbreitung des Astrolabs im nachfolgenden Jahrhundert bei. Ohne seine Traktate wäre das Astrolab wohl lange ein unverstandenes fremdes Messgerät geblieben (Bergmann 1985, Berschlin und Hellmann 2005, Gericke 1992). Eine mittelalterliche Darstellung zeigt Hermann mit einem Astrolab in der rechten Hand rechts neben Euklid, der in seiner rechten Hand eine Sphäre und in der linken ein Sehrohr hält.
Hermann (rechts) und Euklid (links) in einer mittelalterlichen Darstellung (Oxford, Bodleian Library Ashmole 304)
Das zweite Buch „utilitatibus astrolabii“, das ebenfalls im Wesentlichen auf den Schriften von Lupitus und Gerbert beruht, ist von Hermann um einen eigenständigen Anhang in vier Kapiteln ergänzt worden. Das erste Kapitel enthält eine Bauanleitung „einer Uhr für Wanderer“, eine Säulchen-Sonnenuhr mit einem senkrecht stehenden Stab zur Messung des Sonnenschattens. Hermann lieferte die notwendigen Tabellen zur Zeitmessung für den Standort Reichenau mit rund 48 Grad nördlicher Breite (Bergmann 1985, S. 170; Berschin und Hellmann, S. 29.
Sein Erdmessungsmodell
Das Kapitel 2 von Hermanns „utilitatibus astrolabii“ enthält einen originellen Vor-schlag zur Messung des Erdumfangs. Hier-bei beruft sich Hermann auf die Erdmesung des Eratosthenes (ca. 284-202 v. C.), die er über die Gerbert zugeschriebene „Geometria incerti auctoris“ kennengelernt haben mag (Bergmann 1987, S. 110f; Berschin und Hellmann, S. 29). Die Methode des Eratosthenes zur Bestimmung der Erdgröße ist allen Geodäten wohl bekannt. Danach beobachtete er im ptolemäischen Ägypten den Schatten der Sonne in Alexandria am Mittelmeer zur Zeit der Sommersonnenwende, wenn in Syene (heute Assuan) am Wendekreis die Sonne mittags im Zenit steht. Die Länge des Schattens betrug in Alexandria 1/50 des Vollkreises, was nach damaliger Winkeleinheit 1 + 1/5 Hexekosta (1 Hexekosta = 360/60 = 6 Grad) bzw. in heutiger Winkeleinheit 7,2 Grad entspricht (Minow 1999, S. 165; Wirsching 2003, S. 384). Die Entfernung der beiden ungefähr auf demselben Meridian liegen-den Städte war ihm mit 5.000 Stadien bekannt. Folglich ergab sich der Erdumfang zu 50 mal 5.000 Stadien = 250.000 Stadien. Ob Eratosthenes selbst die Entfernung zwischen Alexandria und Syene jemals messen ließ, ist in den antiken Quellen nicht belegt (Bialas 1982, Minow 1999, Schwarz 1975, Wirsching 2003). Diese Methode des Eratosthenes regte Hermann zu einer einfacheren Lösung an. Sein Vorschlag nutzt das Astrolab als Messinstrument, mit dem man bei klarer Nacht überall den Himmelspol messen kann. Sodann gehe man so lange nach Norden, bis der Himmelspol mit dem Astrolab um 1 Grad verschoben ermittelt wird. Die zwischen beiden Messungen zurückgelegte Wegstrecke in Südnordrichtung ist mit 360 (der Gradeinteilung des Astrolabs und der Erde) zu multiplizieren, um den Umfang der Erdkugel zu erhalten.
Hermann erläutert einem Mitbruder seine Idee zur Bestimmung des Erdumfangs, Kartuschenbild über dem Bücherschrank „Geographie“ in der Stiftsbibliothek St. Gallen Wannenmacher 1762)
Hermanns Idee war genial einfach, weil er sich durch die Beobachtung eines Fixsternes unabhängig machte vom weniger genau bestimmbaren Sonnenstand und weil er eine Messmethode für die geographischen Bereiche des lateinischen Abendlandes fernab des Wendekreises ermöglichte (Bergmann 1985, S. 171; Bergmann 1987, S. 135; Berschin und Hellmann, S. 29). Ebenfalls von der Lage des nördlichen Wendekreises unabhängig waren Vorschläge zur Erdmessung, die der arabische Gelehrte al-Biruni (973–1048) in seinem Werk „al Qanum al Mascudi“ über die Meridiangradmessung schildert. Beide Male wird das Astrolab eingesetzt, und zwar einmal zur Messung des scheinbaren Horizonts auf einem hohen Berg gegen den natürlichen Horizont (Bialas, S. 63; Minow, S. 162), zum anderen zur Messung der Mittagshöhe in den beiden Punkten des Meridiangradbogens. Die Schriften des arabischen Zeitgenossen waren Hermann wohl noch nicht bekannt, weil er sie nicht erwähnt. In Kapitel 3 erläutert Hermann die Methode des Eratosthenes und gibt dessen Messwerte an. Hermann nimmt für die Strecke eines 1 Grad langen Breitengradbogens rund 700 Stadien oder 87 römische Meilen an. Nimmt man 1 röm. Meile = 185 m, ergibt sich ein zu messender Meridiangrad-bogen von etwa 128 km. Daraus ergäbe sich nach Hermanns Angaben ein Erdumfang von etwa 46.000 km, was den tatsächlichen Wert von rund 40.000 km unter Berücksichtigung der Astrolabmessgenauigkeit nahe käme (Bergmann 1985, S. 171). Die Entfernungsmessung zwischen den beiden astronomischen Messstandorten war bei Eratosthenes (Bialas, S. 34) und al-Biruni (Minow, S. 163) ebenso schwierig zu besorgen wie bei Hermann. Denn im nördlichen Bereich der Reichenau besteht keinerlei flaches Gelände, um über eine Entfernung von rund 111 km eine mehr oder weniger gerade Wegstrecke zu überwinden. Wäre Hermann trotz seiner körperlichen Gebrechen in der Lage gewesen, von seinem Kloster Reichenau ausgehend nach Norden eine um 1 Grad veränderte Stellung des Himmelspols zu messen, hätte er bis Böblingen kommen müssen. Er hätte dabei den nördlichen Untersee und Überlinger See sowie die Schwäbische Alb mit Berghöhen über 900 m überwinden müssen. Seine persönlichen Umstände ließen ihm keine Möglichkeit zur praktischen Erprobung dieser Idee. Hermanns geographische Kenntnisse des Reichenauer Umfeldes waren offen-sichtlich so gut, dass er die geodätisch gleichermaßen denkbare Messrichtung nach Süden gar nicht erst in Erwägung zog. Denn danach hätte er von der Reichenau bis zum nördlichen Fuße des schweizerischen Piz Cavel (2.946 m) wandern müssen und dabei den südlichen Untersee, die Berge des Thurgau, der Toggenburg und der Glarner Alpen mit Berghöhen über 3.000m sowie das Tal des Vorderrheins queren müssen, eine auch heute noch praktisch unmögliche Vorgehensweise.
Schluss
Der Mönch Hermann der Lahme von Reichenau besaß ausgezeichnete Kenntnisse aus griechischen und arabischen Quellen. Über die seinerzeit übliche Lehre des Quadriviums hinaus entwickelte Hermann eigene Ideen zur Frage nach der Bestimmung der Größe der Erdkugel. Sein Messvorschlag ist eine geniale Weiterentwicklung der Methode des Eratosthenes, deren praktische Umsetzung ihm wegen seiner körper-lichen Gebrechen nicht vergönnt war. Hermann ist ein Beleg dafür, dass im „tiefen Mittelalter“ des 11. Jahrhunderts die Klosterschulen in Deutschland das Wissen der Antike und der Araber sehr wohl zu tradieren wussten und auch eigenständig weiterentwickelten.
Literatur
Bautz, F. W.: Hermann von Reichenau. Biogra-phisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. II, Hamm 1990, Sp. 751-753.
Bergmann, W.: Innovationen im Quadrivium des 10. und 11. Jahrhunderts. Studien zur Einführung von Astrolab und Abakus im lateinischen Mittelalter. Sudhoffs Archiv, Beiheft 26, Stuttgart 1985.
Bergmann, W.: Gerbert von Aurillac und die Landvermessung. In: Hartwig Junius (Hg.), Ingenieurvermessung von der Antike bis zur Neuzeit, 3. Symposion zur Vermessungsge-schichte 1987, Stuttgart 1987, S. 108-140.
Berschin, W. und Hellmann, M.: Hermann der Lahme. Gelehrter und Dichter (1013-1054). Reichenauer Texte und Bilder (RTB) 11, Zweite Auflage, Heidelberg 2005.
Bialas, V.: Erdgestalt, Kosmologie und Weltan-schauung. Stuttgart 1982. Gericke, H.: Mathematik im Abendland – von den römischen Feldmessern bis zu Descartes. Wiesbaden 1992.
Minow, H.: Al-Biruni und die historischen Meridiangradmessungen. In: Der Vermes-sungsingenieur, 3/1999, S. 161-166.
Schwarz, K.P.: Zur Erdmessung des Eratosthenes. In: Allgemeine Vermessungs-Nachrichten (AVN), 1975, S. 1-12.
Stadlers Vollständiges Heiligen-Lexikon: Hermann der Lahme (von der Reichenau). Hildesheim 1996.
Wirsching, A.: Eratosthenes oder die Ägypter? I n: Der Vermessungsingenieur, 5/2003, S. 380–384.
als heute vor 969 Jahren der Reichenauer Mönch Hermann seinen Geist aushauchte, ging ein Erdenleben zu Ende, das seinesgleichen suchte. Schon seinen Zeitgenossen galt Hermann von Altshausen als das „miraculum saeculi“, das Wunder seines Zeitalters. Was aber war das tiefste Geheimnis seines Lebens? Wir kommen wohl nicht umhin festzustellen: es war seine Teilhabe am Kreuz Christi, das durch seine schwere körperliche Behinderung und sein zunehmendes Leiden inmitten seines Lebens aufgerichtet war. In Hermannus Contractus begegnet uns gleichsam der leidende Gottesknecht, von welchem einst der Prophet Jesaja sagte: „Er hatte keine schöne und edle Gestalt, sodass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut“ (Jes 52, 2b.3a).
Das Leben des gekrümmten Mönches, dessen lichterfüllter Geist des Nachts die Unendlichkeiten des Weltalls durchstreifte, war ein Mitgehen des Kreuzwegs Christi. Auf diesem Weg aber hat Hermann Antwort gefunden auf alle Fragen. Auf diesem Weg ist sein ganzes Menschenleben mit all seinen Höhen und Tiefen durchlebt und durchlitten, geheiligt und überwunden worden. Auf diesem Kreuzweg ist ihm der Sinn seines Lebens mit all seinen Verworrenheiten und Dunkelheiten, aber auch mit all seinen Möglichkeiten und Hoffnungen klargeworden. In der Stille seiner Klosterzelle ist in ihm, der schon in ganz jungen Jahren in die Obhut der Mönche gegeben worden war, die Erkenntnis gereift: Das ist der Ruf Gottes an mich; das ist der Weg, auf dem mein Leben zu seinem Ziel gelangt. Und am Ende dieses so leidvollen und zugleich so gesegnetes Weges durfte er begreifen: Es lohnt sich, zu dulden und zu leiden, zu fallen und aufzustehen; es lohnt sich zu leben.
Seitenkapelle in der Kirche St. Michael, Altshausen
Für Hermann von Altshausen wurde das Mitgehen des Kreuzwegs Christi gleichsam zur Schule seines Lebens; zur Schule, in welcher er die höchste und notwendigste Kunst erlernen konnte: die Kunst eines erfüllten, eines gemeisterten Lebens; eines Lebens, das auch auf den dunkelsten Strecken nie ohne jeden Stern war, der ihm den Weg wies und ihm neue Hoffnung schenkte. In der von ihm so überaus geliebten Gottesmutter, die wie kein zweiter Mensch den Kreuzweg ihres Sohnes durchlitten hatte, konnte Hermann ein strahlendes Zeichen dieser Hoffnung erkennen. „Vita, dulcedo et spes nostra“ nennt er sie in seinem weltberühmt gewordenen Salve Regina: „Unser Leben, unsere Wonne, unsere Hoffnung, sei gegrüßt!“
Und wie die selige Jungfrau einst auf den Ruf Gottes geantwortet hatte mit den Worten: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe nach deinem Wort“, so konnte sich auch Hermann von Altshausen in unzähligen durchwachten Nächten durchringen zu seiner Antwort der Ganzhingabe an den göttlichen Willen. Denn er wusste nur allzu gut, dass dies die einzige mögliche Antwort überhaupt war. Er wusste: Gott wollte nicht irgendetwas von ihm, sondern alles. Wer so liebt, dass er seinen eingeborenen Sohn für uns dahingibt, der kann nicht anders, als den ganzen Menschen einzufordern. Liebe erträgt keine Halbheit. Für uns Menschen und um unseres Heiles willen ist Gott, als die Fülle der Zeiten gekommen war, in seine Schöpfung eingestiegen; nicht als Herr, nicht als Richter – nein, als der Liebende, und was noch ergreifender ist: als der Dienende: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, sich bedienen zu lassen, sondern zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele“ (Mk 10,45). Und so hinterlässt er uns am Abend vor seinem Sterben sein Testament: Er kniet nieder und wäscht uns die Füße. Und dann stiftet er das Mahl, das uns für alle Zeiten seine Hingabe bis zum Äußersten vor Augen führt: „Nehmt und esst, das ist mein Leib, hingegeben für euch; nehmt und trinkt, das ist mein Blut, vergossen für euch!“ Weil Hermann der Lahme in diesem unbegreiflichen Geschehen nicht nur den Sinn der ganzen Welt, sondern auch den seines eigenen Lebens erkannt hatte, war es für ihn das größte Gnadengeschenk, dass er trotz seiner schweren Behinderung zum Empfang der Priesterweihe zugelassen wurde. Sein Priestertum war erfüllt von der Erkenntnis der Größe, Schönheit und Erhabenheit der Schöpfung Gottes, aber auch ein Priestertum, geläutert im Schmelzofen des Leidens.
In seinem in italienischer Sprache erschienenen Roman über Hermann von Altshausen schildert Davide Rondoni eine durchwachte und durchlittene Nacht auf der Reichenau und lässt uns dabei auch Berthold begegnen, dem treuen Schüler Hermanns. Dort heißt es:
Berthold bleibt wie immer zurück, wie jede Nacht. Um ihn zu betrachten. Sein Gesicht ist mit den Jahren dem einer Ziege ähnlich geworden. Ausgetrocknet. Und doch mit einem wunderbar sanften Ausdruck, wenn die Augen offen sind. Wenn sie geschlossen sind, wie jetzt im Schlaf und Schmerz, gleicht das Gesicht einem Lederrest zum Wegwerfen. Da ist der Geruch von abgebranntem Kerzentalg. Gemeinsam beginnen sie die Gebete zu flüstern. Hermann liegt auf der Seite, ganz verkrümmt. Berthold hat den Rücken an die Wand gelehnt. „Ich bis des Lebens müde“. In Hermann erwächst dieser Gedanke, während die traurig graue Morgendämmerung sich langsam über die großen Tannen erhebt. Der Rippenfellentzündung wegen brennt es ihm beim Atmen. Berthold beschließt die nur halb ausgesprochenen Worte: „Zu dir seufzen wir Kinder Evas, trauernd und weinend in diesem Tal der Tränen. Wohlan denn, unsere Fürsprecherin, wende deine barmherzigen Augen uns zu und nach diesem Elende zeige uns Jesus, die gebenedeite Frucht deines Leibes..“
Auf der Reichenau weicht die Nacht dem ersten Licht des Tages (Davide Rondoni, Hermann. Una vita storta e santa puntata alle stelle, Verlag Rizzoli).
Dieser zeitgenössische Roman über Hermann den Lahmen führt uns anschaulich vor Augen, wie sehr das Leben unseres einzigartigen Heimatheiligen Mitgehen des Kreuzwegs Christi war, den der Herr vorausgegangen ist zur Erlösung der Welt. Ihm, der diesen Weg für uns leidend, liebend, sterbend gegangen ist, hat Hermann von Altshausen sich mit aller Bereitschaft zur Verfügung gestellt. An diesem seinem Todestag, den wir feiern dürfen als seinen Geburtstag für den Himmel, ruft er auch uns dazu auf. Denn dieser Weg, den der Herr uns vorangegangen ist, ist unser Schicksalsweg; der Weg, auf dem sich unser ewiges Schicksal entscheidet. Auf diesem Weg, liebe Schwestern und Brüder, kann uns der selige Hermann Richtschnur und Kompass sein. Der italienische Journalist Giovanni Figheira sagt es so:
„Hermann ist ein leuchtendes Beispiel dafür, wie ein Mensch Werkzeug der Fruchtbarkeit werden kann, der Kultur und neuer Menschlichkeit, indem er erkennt, dass Gott uns liebt trotz unserer Nichtigkeit und unserer Zerbrechlichkeit. Noch heute als Seliger verehrt, ist er ‚das Vorbild katholischer Heiligkeit‘ (Don Luigi Giussani).“
AMEN.
Pfarrer Christof Mayer
Nach dem Festgottesdienst am 24.9.2023 in der Kirche St. Michael, Altshausen
In der „Schwäbischen Zeitung“ vom 1.12.2020 stand ein Nachruf auf den Schauspieler, Autor und Regisseur Dr. Peter Radtke, der am 28.11. in München 77-jährig gestorben ist. 1943 war er in Freiburg zur Welt gekommen. Die angeborene Glasknochenkrankheit machte ihn zu einem Schwerbehinderten. Dennoch studierte er Romanistik und wurde erfolgreicher Schauspieler mit Auftritten auf großen Bühnen wie München, Zürich und Wien.
Der VdK Bayern würdigt ihn als leidenschaftlichen Vorkämpfer für Inklusion in Kunst und Gesellschaft. „Die Zahl der Freundinnen und Freunde, die um ihn trauern ist groß, für viele ist er ein Vorbild“, schreibt die Landesvorsitzende Ulrike Mascher. Radtke war von 1994 – 2001 Präsident der europäischen Vereinigung zur Förderung von Kreativität und Kunst behinderter Menschen. Von 2003 – 2016 war er im Deutschen Ethikrat.
Während seines Studiums machte ihn ein Dozent auf die Gestalt Hermann des Lahmen aufmerksam, also auf einen ebenfalls schwer Behinderten, der dennoch ein hochkarätiges Werk hinterlassen hat. Das führte schließlich zu seinem Schauspiel „Hermann und Benedikt – das Brot teilen“, uraufgeführt 1991 in Regensburg. Damals spielte Peter Radtke selbst den behinderten Hermann. Im Zentrum des Stückes stehen zwei Behinderte, die beide in Altshausen aufwachsen und sich dann wieder auf der Reichenau treffen. Höhepunkt des Stücks ist der Augenblick, in dem Hermann, der angesehene, aber behinderte Mönch, dem bettelnden Benedikt ein Stück Brot gibt. In diesem Drama wird die Not der Menschen in dieser Welt, werden menschliches Versagen und Unzulänglichkeiten dargestellt. Das Wirken des Krüppels Hermann ist da wie ein warmes Licht in der Finsternis.
Peter Radtke kam mit seiner Frau im September 1993 zu den „Hermann-Tagen“ nach Altshausen. Die begannen am Samstag, 4. September, mit einem Gespräch am Runden Tisch, bei dem neben Dr. Radtke noch der H.H. Erzabt von Beuron, Hieronymus Nitz OSB, Sr. M. Calasanz Ziesche, Schwester Unserer lieben Frau, Rheinbach bei Bonn, Sr. Hermine Ziegler O.T., Passau, Madame Claire-Paulette Lichtle aus Rouffach, Dr. Josef Kerkhoff, Stuttgart und Walter Ebner teilnahmen. Den Festgottesdienst am 5. September in der Schlosskirche St. Michael zelebrierten der H.H. Erzabt und Pater Rektor Ziegler SVD, Blönried. Anschließend war die Ausstellungseröffnung „Hermann der Lahme – Graf von Altshausen“ in der Altshauser Volksbank.
Als Nachlese der Altshauser Hermann-Tage schrieb Dr. Ewald Gruber, Bad Saulgau in den „Beiträgen zur Kulturgeschichte von Altshausen und Umgebung“ eine Folge: „Anmerkungen zur Darstellung Behinderter in der Literatur.“ Dr. Radtke wurde in seinem Rollstuhl von seiner Frau geschoben. Diese wurde auch mit dem Kiesweg im Schlosshof fertig. Aber auch sie hatte eine Behinderung, sodass er ihr beim Mittagessen das Fleisch schnitt. Den Hermann-Freunden in Altshausen bleibt er in guter Erinnerung.