Weihnachtsbrief 2025

Liebe Freunde und Mitglieder der Hermannus-Gemeinschaft Altshausen,

Prof. Arno Borst hat es uns vorgemacht: er führte ein Gespräch mit Hermann dem Lahmen, unserem Heimatheiligen. Es hatte in Konstanz an seiner Haustüre geklingelt, ein Mann in schwarzer Kutte und im Rollstuhl sitzend wurde hereingeschoben und es kam zu einem Gespräch zwischen den beiden Historikern. „Die Toten müssen den Dialog von sich aus anknüpfen“, so hatte Hermann gemeint.

Was wollte er wohl damit sagen, unser Hermann? Die Benediktiner haben ihn seit seinem Tod wie einen Heiligen verehrt. Wir Heutigen bitten ihn um seine Fürsprache. Was weiß er von unserer Zeit, unseren Sorgen und Nöten?

Kriege da und dort, nicht enden wollend und mit unerhörter Grausamkeit geführt. Das war vor 1000 Jahren nicht anders als heute.

Er war über das ganze Mittelalter der einzige Behinderte, dem man Achtung und Wohlwollen entgegenbrachte. Das war der „Hermann-Legende“ geschuldet, etwa 150 Jahre nach Hermanns Tod entstanden und aufgeschrieben von einem naturwissenschaftlich denkenden, „modernen“ Menschen, der nicht daran zweifelte, dass eine Behinderung keine Strafe Gottes war für Sünden der Vorfahren. In dieser Legende litt der junge Student Hermann an der Universität in Paris unter seiner mangelnden Begabung, während Kommilitonen einfacher Herkunft sich mit dem Studium viel leichter taten. Da erschien ihm im Traum die Jungfrau Maria und stellte ihn vor die Entscheidung, ein hübscher junger Mann zu bleiben, aber weiterhin mit mangelnder Begabung, oder eine Leuchte der Wissenschaft zu werden, jedoch mit einer Behinderung. Hermann einigte sich mit der Gottesmutter und wählte die Weisheit. Da blieb kein Platz mehr für eine Diskriminierung.

Würde nach dem Lob Hermanns wegen unserer heutigen Inklusion eine Rüge folgen wegen unseres Umgangs mit unserer Umwelt? Er war Mathematiker, beherrschte souverän das Zahlenkampfspiel, war ein Meister des Quadriviums und hatte sich das ganze naturwissenschaftliche Wissen des 11. Jahrhunderts zu eigen gemacht.

Was würde er zu der These Stephen Hawkings sagen, dass die globale Erwärmung das Potenzial hat, die Menschheit in absehbarer Zeit auszulöschen?

Würde er anfangen zu rechnen, wann der Verlust der Wälder durch den dadurch eintretenden Sauerstoffmangel, verbunden mit der Zunahme des Kohlendioxids menschliches Leben unmöglich machen würde? Oder würde er auf sein „Salve Regina“ verweisen? „Illos tuos misericordes oculos ad nos converte!“ „Wende deine barmherzigen Augen auf uns!“

Zweifellos würde ihm das jährlich neue Wunder im Stall von Bethlehem die Gewissheit geben, dass wir Vertrauen in eine bleibende Schöpfung haben dürfen. Wir aber wollen uns mit einem Weihnachtsgedicht von Hermann verabschieden:

Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern.
So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern!
Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.

Dem alle Engel dienen, wird nun ein Kind und Knecht.
Gott selber ist erschienen zur Sühne für sein Recht.
Wer schuldig ist auf Erden, verhüll‘ nicht mehr sein Haupt.
Er soll errettet werden, wenn er dem Kinde glaubt.

Die Nacht ist schon im Schwinden, macht euch zum Stalle auf!
Ihr sollt das Heil dort finden, das aller Zeiten Lauf
von Anfang an verkündet, seit eure Schuld geschah.
Nun hat sich euch verbündet, den Gott selbst ausersah.

Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr,
von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.

Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt.
Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt.
Der sich den Erdkreis baute, der lässt den Sünder nicht.
Wer hier dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht.

Jochen Klepper, 1938

Dr. Walter Ebner,
2. Vorsitzender der HGA

Schlosskirche Altshausen,

Krippe,

2. Hälfte 18. Jahrhundert

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